Im Brunnen der Erinnerung

Jenseits von Athen und Santorini gibt es ein versunkenes Griechenland, das nur wenige kennen. Eines, wo die Kulturen und Zeiten von Okzident und Orient einst miteinander verschmolzen und das heute vom Verschwinden bedroht ist. Der Autor hat es zufällig auf der nordägäischen Insel Thassos im Dorf Kazaviti entdeckt.

Den unzähligen Postkartenansichten von Kykladen und Sporaden zum Trotz: In den letzten dreissig Jahren des massierten, pauschalen Tourismus erschienen mir Inseln wie Samos oder Santorini bloss noch wie Potemkinsche Dörfer – Theaterkulissen, Lockszenarien, Knoten eines grossen Spinnennetzes, in dem die heutigen Griechen notgedrungen sitzen, um Touristen auszunehmen. Nicht, dass ich ihn nicht teilte; doch schien er mir verloren – der Traum vom authentischen Leben.

Bis ich bei den Vorbereitungen zu den Sommerferien im Internet auf die Gelegenheit stiess, mich auf der nordägäischen Insel Thassos im Dorf Kazaviti in ein Haus traditionellen mazedonischen Stils einzumieten. Der Einzug in das Haus aber wurde zum Abstieg in den Brunnen der Erinnerung. Denn in der Hafenstadt Kavala, Thassos auf Festlandseite gegenüber gelegen, bin ich in den siebziger Jahren selbst gross geworden in einem solchen «Albaniko Spiti», wo die Wände aus dem feuchtigkeitsspeichernden, kühlenden Lehm bestehen; wo Küche und Bad aus einem einzigen Marmorblock gehauen, wo die Balkone von dicken, wurmstichigen Holzbalken getragen und die Aussenwände mit dem typischen Blau bemalt sind – von unten nach oben heller werdend, wie vom Meer zum Himmel hin.

Haus Karavousi ist ein Biotop. Nicht nur, dass man des Nachts mit den türkischen Feigen direkt vor dem geöffneten Fenster den Zikaden nahe ist, als schliefe man im Dschungel. Bloss wenige Zentimeter von meinem Kopfkissen entfernt hat sich eine Spinne eine Höhle gesponnen, aus der ich vor dem Einschlafen die Spinnenbeine lauernd hervorstehen sehe. Nachts balanciert ein Siebenschläfer im offenen Dachgebälk herum und stösst Laute aus, so seltsam, dass ich zunächst in einer Mischung aus Furcht und Faszination kaum schlafen kann.

Es ist ein Deutscher, der uns das Haus vermietet, ein Volkskundler und Naturschützer, für den nicht nur Menschen legitime Bewohner eines Hauses sind. Jeden Tag geht er durchs Dorf, um die Katzen zu füttern. Wenn er am späten Nachmittag zu uns heraufsteigt, ist die Hitze noch brütend. Er bittet meinen Sohn, den Eimer mit dem klebrigen Katzeneintopf mit Wasser aufzufüllen. Er wäscht sich das Hemd, das Gesicht. Ist es, weil er wie alle Einsiedler sein Äusseres nicht achtet? Oder gehören sie einfach zur Familie, die Tiere, die der Biologe zum Befremden der Dorfbewohner füttert, damit sie die Eidechsen und Vögel verschonen?

Nägel wie aus Jesu Zeiten

1957 fuhr er zum ersten Mal nach Griechenland, und dann immer wieder. Als der Ethnologe nach jahrelanger Feldforschung in Papua-Neuguinea 1973 zum ersten Mal nach Kazaviti kommt, da ist das Bergdorf so gut wie ausgestorben. Er hat mit den alten Bewohnern gesprochen, versucht, den letzten Zipfel ihrer Erinnerungen zu erhaschen. Erzählungen wie die von der phönizischen Prinzessin, die einmal auf dem gegenüberliegenden Hügel gelebt haben soll. Schultze-Westrum erinnert sich noch, wie es ihn schmerzte, die Ruinen der Häuser zu sehen, und wie er damit begann, seine gesamten Einkünfte als Dokumentarfilmer in ihren Kauf zu investieren. Er ist geblieben und heute Besitzer und Kurator von vierzehn Häusern, insbesondere jener Häuserzeilen, die noch der ursprünglichen Dorfanlage entsprechen. Nur drei der Häuser hat er, gemeinsam mit seinen Kindern, bisher voll instand setzen können, die Bausubstanz der anderen wurde gegen den unmittelbar drohenden Zerfall gesichert, doch liegen sie gleichsam noch im Dornröschenschlaf.

Wir besuchen ihn in der Talsenke. Grosse, bauchige Tonkrüge säumen den Hof, Blechbüchsen, die ehemals Olivenöl bargen, sind mit Oleander bepflanzt. Er lädt uns ein, eines der alten Kazaviti-Häuser von innen zu sehen, wir betreten es über eine Stiege. Es braucht mehrere Anläufe, das schwere Vorhängeschloss zu öffnen. Überall Kisten mit Spuren ihrer ehemaligen Bewohner, dessen, was sie hinterliessen, als sie in den fünfziger Jahren fluchtartig an die Küsten zogen: Strohhüte, Schuhe. Handgeschmiedete Nägel, kaum anders als die, mit denen Jesus einst ans Kreuz genagelt worden sein muss. Eine blaue Tür aus Kastro, einem Bergdorf aus dem Inselinnern, wo meine Oma als Kind noch die Wochenenden verbrachte.

Schliesslich öffnet Schultze-Westrum ein Zimmer, auf dessen gesamter Länge ein geschnitzter Wandschrank eingelassen ist, das Prachtwerk eines traditionellen «Doulapi», für den der Topkapi-Palast in Istanbul Pate gestanden haben mag. Das Bezauberndste aber an diesem Raum, in dem die Zeit angehalten scheint: Vor den beiden trüben Fenstern an der gegenüberliegenden Seite, durch die das Licht der untergehenden Abendsonne hereinsickert, hängen Trauben kleiner Fledermäuse, Kleinhufeisennasen, von denen einige mir und meinen Kindern um die Ohren fliegen, andere von der Decke baumeln, grinsend und ihre Jungen kopfüber haltend wie Trapezkünstler.

Unter einer Holzstiege im verlassenen, ehemals herrschaftlichen Anwesen «Nychtaráki» hat Schultze-Westrum alte Briefe entdeckt, wunderbar mit der Feder geschrieben, aus der Zeit, als Thassos noch unter ägyptischer (ab 1841) und dann wieder unter türkischer Herrschaft stand (1902 bis 1912). Die Briefe berichten von Familienangelegenheiten des vermögenden Kaufmanns Hatsixantós, von Reisen nach Alexandria oder dem Ausbruch der Cholera. In einem anderen Vermächtnis, dem Haus «Zougrafou», wurde ein ganzer fotografischer Nachlass gefunden: Dorfmenschen in schwarzer Bauerntracht, gravitätisch, als wären auch ihre Mienen versteinert. Aber auch Menschen von Welt: ein Mann im Fotoatelier, lässig auf einen Ständer gestützt, eigens dafür ins Bild gerückt. Ein Paar beim Tennisspiel, in fast frivoler Leichtigkeit.

Geht man den steinernen Rundweg oberhalb von Kazaviti, mit Mitteln des europäischen «Leader»-Programms angelegt, in Richtung der alten Mühle, die das Dorf von der offenen Gebirgslandschaft trennt, so stösst man dort, wo die faulenden Früchte eines Maulbeerbaums die Luft mit ihrem Duft schwängern, auf das Haus «Manola», das imposanteste Haus des Dorfes, 1807 im mazedonischen Stil als Dépendance der Athos-Mönche von Esfigmenou errichtet, jener Zeloten, die selbst mit dem Patriarchen von Konstantinopel im Clinch liegen, weil er ihnen nicht orthodox genug ist.

Seltener Schatz

Kazaviti ist ein seltener Schatz dörflicher Haus- und Landschaftsgestaltung, die von der Antike bis in die jüngste Vergangenheit herauf reicht, ein Ort, in dessen Fusswegen und Bewässerungsanlagen, wunderbar gefügten Mäuerchen und terrassierten Gärten aus Olivenbäumen, Platanen, Kastanien und Eichen noch die ursprüngliche «Nachbarschaft» von Natur und Kultur erahnt werden kann. Zweifellos sind in dieser Topografie auch philhellenische Motivlagen im Schwange, auch die bukolische Idylle ist in Kazaviti eingeschlossen wie die Fliege in den Bernstein. Aber an diesem Schauplatz geht es weniger um Brauchtumsforschung und Nostalgie. Eher will man hier im Sinne des französischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss dem modernen Schicksal des Unauthentischen noch etwas Authentisches abringen.

Man könnte sich das alte Dorf Kazaviti in Kontrast zu den üblichen Postkartenmotiven als Lernort vorstellen, als Freilichtmuseum, das die Achtung vor der Diversität kultureller Lebenswelten lehrt, aber auch Achtsamkeit im Hinblick auf traditionelle Umweltbeziehungen. Allerdings ist die Erhaltung der ideellen und materiellen Überlieferungen des Dorfes wie sein Ausbau zu einem Modellversuch gelungener Balancen zwischen Natur- und Kulturschutz einerseits und einem sensiblen Tourismus anderseits eine ehrgeizige denkmalpflegerische Aufgabe, die wohl aus privater Initiative angestossen, kaum aber aus privaten Mitteln bestritten werden kann.

03. September 2012, Neue Zürcher Zeitung